Startseite » News » Schule im europäischen Vergleich – zum Beispiel Island
Eine ErasmusPlus-Lehrer-Fortbildung in Reykjávik, 12. – 18. April 2026
Skandinavische Länder gelten allgemein als Vorbild in Schulentwicklung und fortschrittlichen Unterrichtsmethoden. Welche schulischen Schwerpunkte, Erfolge und Herausforderungen werden in Island wahrgenommen – ein kleines Land, das stark auf Digitalisierung, erneuerbare Energien und Einwanderung setzt? Mit diesen Fragen im Gepäck habe ich zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus neun EU-Ländern Mitte April an einer ErasmusPlus-Lehrerfortbildung auf Island teilgenommen. In Reykjávik konnten wir Bildungssystem und Gesellschaft kennen lernen und bei verschiedenen Schulbesuchen den Unterricht miterleben.
Ähnlich, aber doch anders
In der dreijährigen Sekundarschule ab Klasse 11 können, wie bei uns an der BBS1, die Hochschulreife oder berufliche Abschlüsse erreicht werden. Dabei setzt Island auf individuelle Wahlfreiheit, Projektarbeit und selbstorganisiertes Lernen. So werden Aufgaben aus der Arbeitswelt, wie die Gründung eines Unternehmens vom Produkt bis zur Vermarktung, eine Werbekampagne oder das Herstellen eines Filmes vom Drehbuch bis zur Präsentation in kleinen Schülergruppen selbstständig umgesetzt. Die Lehrkräfte unterstützen nach Bedarf. Auch die berufliche Ausbildung, z. B. zur Mechatroniker-Gehilfin oder zum Krankenpflegehelfer, erfolgt in den berufsbildenden Sekundarschulen, und kann anschließend mit einem Berufspraktikum oder Studium zur Vollausbildung erweitert werden. Die sehr gute Ausstattung der Schulen mit spezialisierten Fach- und Werkräumen, vollständiger Digitalisierung, Einsatz von Sprach-Avataren für die Einwanderer und zahlreichem unterstützenden Personal ermöglicht die hohe Individualisierung und hat uns sehr beeindruckt. Island gibt prozentual mehr Geld für sein Bildungssystem aus als der EU-Durchschnitt.
Gemeinsame Werte – keine Abschlussprüfung
Zentrale Werte sind Schülerzufriedenheit, Integration, respektvoller Umgang und Verantwortung. Dabei sind isländische Schüler mit bis zu vier Fremdsprachen (Isländisch, Dänisch, Englisch und häufig noch Deutsch oder eine andere Sprache) äußerst international aufgestellt. Den Schülerinnen und Schülern wird viel Selbstständigkeit zugetraut. Dass es kein Abitur oder andere schulische Abschlussprüfungen gibt, war für die meisten aus unserer Delegation schon sehr erstaunlich, scheint dem Land mit einem der höchsten Pro-Kopf-Einkommen weltweit aber nicht zu schaden. Wer die erforderlichen Creditpoints über Tests oder Projektabgaben erreicht, hat bestanden. Studiert wird in Reykjávik oder im Ausland.
Soziale Medien und KI als Herausforderung
Die digitalen Herausforderungen für Schulen beschäftigen uns aber alle gleichermaßen: Auch in Island wird der negative Einfluss von Handys und sozialen Medien auf Konzentration und Grundkompetenzen der Schülerinnen und Schüler, wie Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeit, sowie der unreflektierte oder regelwidrige Einsatz der KI beklagt. Da müssen wohl alle Schulen einen neuen Umgang finden. Für mich war diese Fortbildung im europäischen Kontext in jedem Fall äußerst anregend und horizonterweiternd.
Von:
Gabriele Dethlefs
Oberstudienrätin für Deutsch und Geschichte an der BBS1 Mainz